In Wirklichkeit ist die Realität anders.

In Wirklichkeit ist die Realität anders.

Facebook hat die Angewohnheit, mich von Zeit zu Zeit an Dinge zu erinnern, welche ich vor 1 oder mehreren Jahren mit meinen Mitlesern geteilt habe.

Heute erinnerte mich Facebook an einen Streit mit einer damaligen Nachbarin und alles kam mir „obsi“, wie wir Schweizer zu sagen pflegen, wenn einen die Erinnerungen zu überrollen drohen und so frisch sind, als ob das Ganze erst heute geschehen wäre.

Der Streit begann, als unsere Nachbarn, mit denen wir bis anhin fast 10 Jahre lang in Frieden und sogar freundschaftlich verbunden im selben Miethaus lebten, ihren 3 jährigen Sohn unbeaufsichtigt im und ums Haus herum streunen liessen. Ich beobachtete mehr als eine kritische Gefahrensituation, denn die Strasse und ein Bach, dessen Bachbett glitschig war und der manchmal zu einem Wildbach mutieren konnte, befanden sich in unmittelbarer Nähe. Der kleine Junge zerstörte meine Gartenbepflanzungen. Die Nachbarn, welche sich bisher an die Hausordnungen hielten, verstiessen von einem Tag auf den anderen gegen mehrere solcher Ordnungen. Ich stand in der Funktion der Hausabwartin und hatte klare Aufträge seitens unseres Vermieters. Gespräche mit dem Jungen und mit seinen Eltern brachten keine Einigung – auch nicht, als sich der Vermieter einschaltete. Sie wurden immer dreister, ja sogar gegenüber dem Vermieter so frech, dass er ihnen nach mehreren Gesprächsversuchen und Mahnungen kündigte. Natürlich gaben die Nachbarn mir die Schuld daran, als ob ich unseren Vermieter dermassen hätte beeinflussen können. Sie waren felsenfest davon überzeugt, ich hätte ihn dazu überredet.

Ja, das war schwierig damals vor 5 Jahren. Das Ganze gipfelte darin, dass sie unseren drei Kindern schrieben, was für eine elend miese, heuchlerische und unfähige Frau ich sei und wie sie zu bedauern wären mit so einer Mutter. Meine eine Tochter, damals ein Teenager, schrieb ihnen zurück, dass sie stolz auf „so eine Mutter“ sei. In einem persönlichen „Abschiedsgespräch“ warf mir der Mann vor, ich sei doch überhaupt keine „richtige Frau“. So ein absurder Vorwurf wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen gewesen wäre. Ein sachliches Gespräch war unmöglich, diese Leute waren auf „Krieg“ aus.

Ich getraute mich damals kaum mehr, einen Fuss vor die Türe zu setzen, aus Angst, ihnen zu begegnen. Bevor ich zur Haustüre hinaus trat, bat ich Gott immer um Liebe für meine Nachbarn. So brachte ich es fertig, ihnen von meiner Seite her immer freundlich zu begegnen, sie stets zu grüssen und mit dem kleinen Jungen weiterhin unbeschwert zu plaudern. Aber seine Eltern schalteten auf stur und grüssten nie mehr zurück. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich damals einen tausendfachen Tod gestorben. Ich glaube, meine Freundlichkeit war ihnen ein weiterer Dorn im Auge. Es muss für sie so gewesen sein, wie es die Bibel beschreibt:

Sprüche 25, 21Wenn dein Feind Hunger hat, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, dann gib ihm zu trinken.

22Denn dadurch wirst du ihn zutiefst beschämen, und dich wird der HERR belohnen.

In einer anderen, älteren  Übersetzung steht, dass es sei, wie wenn man mit Freundlichkeit bei denen, welche einem feindlich gesinnt seien, „glühende Kohlen aufs Haupt sammle“. 

Ich wollte sie mit Freundlichkeit bestimmt nicht provozieren, sondern meinte es echt. Die Kraft dazu kam aber aus der Verbindung mit Gott.

Im Grunde genommen taten mir diese Nachbarn leid. Es muss hart sein, so voller Hass zu leben. Die Wucht ihres Hasses blies mich manchmal fast um. Weh tat es mir ums Ungeborene (die Frau war mit dem 2. Kind schwanger). Denn diese Frau war derart verbittert, ihr Gesicht nahm stark verhärmte Züge an – sie war sichtbar ebenfalls unglücklich und ich fragte mich ernsthaft, was für Auswirkungen dies auf ihr Kind im Leib haben würde.

Ich bin froh, muss ich mir selber nichts vorwerfen in dieser Angelegenheit. Ich habe meine Pflichten als Hausabwartin erfüllt, was diese Nachbarn partout nicht einsehen wollten.

Mich hat damals erschreckt, wiesehr ein Mensch seine eigene „Wirklichkeit“ bauen und daran festhalten kann. Sie waren sosehr überzeugt von ihrer Sicht der Dinge. Für sie entsprach ihre Sicht der unumstösslichen Realität. Sie haben sich gegenseitig hochgeschaukelt, sich bestärkt in ihrer Meinung, Bestätigung in ihrem Familien- und Freundeskreis geholt und verstrickten sich immer mehr in ihre eigenen Lügengebilde. Und logisch kann man dann nicht einfach sagen: eure Sicht der Dinge stimmt nicht – sie hätten es nie geglaubt.

Wir wohnen seit einem Jahr an einem anderen Ort, das damalige Haus wurde abgerissen. Mit den Nachfolgern dieser Streithähne hatten wir es dann sehr harmonisch.

Nie vorher in meinem über 50 jährigen Leben und seitdem auch nicht mehr, habe ich solch krasse Anschuldigungen an meine Persönlichkeit hören müssen.

Ich habe unseren ehemaligen Nachbarn vergeben. Aber vergessen will ich bewusst nicht. Das Erlebnis soll mich immer wieder mal fragen lassen: wann bin ich in der Gefahr, Dinge als unverrückbar wahr zu sehen und dabei nicht zu merken, dass ich mir meine eigene Realität aufgebaut habe, welche nicht übereinstimmt mit der realen Wirklichkeit? Ich möchte eine Frau sein, welche sich sagen lässt: pass auf, du hast dich da möglicherweise in etwas verrannt – könnte es sein, dass dein Blick auf die Realität getrübt ist?

indianer-wlfe

Bild mit freundlicher Genehmigung von „Nur positive Nachrichten“

Wenn ich Gedanken des Neids, der Ablehnung, des Misstrauens über meine Mitmenschen füttere, wird diese Sicht auf meine Mitmenschen meine Realität. Ich kann dann gar nicht anders, als zu glauben, dass sie mir Böses wollen, mich beabsichtigen zu hintergehen. Wenn ich meinen Mitmenschen fortlaufend vergebe, Gutes von ihnen erwarte, dankbar für kleine Liebeszeichen bin und sehe, dass jeder Mensch ein wertvolles Geschöpf ist, verändert das meine Sicht auf sie.

Deshalb will ich diese Lebenserfahrung nicht vergessen. Nicht, um Groll und Bitterkeit zu hegen und pflegen, sondern als Mahnmal für mich selber.

 

Gmerkigs

Gmerkigs

„Besch es Gmerkigs“ sagen wir Schweizer, wenn wir jemandem etwas scherzhaft zugestehen, er oder sie hätte etwas entdeckt, was für andere schon längstens selbstverständlich sei. Alternativ kann man sowas über sich selber aussagen: „Be halt scho es Gmerkigs.“ 😉

Dasselbe Wort kann aber auch bewundernd verwendet werden: „Er isch e rächt e Gmerkige!“ Er merkt sich Dinge schnell, ist zum Beispiel ein intelligenter, aufgeweckter, spürender, gut beobachtender, aufmerksamer Schüler.

In meinem Blog möchte ich gmerkige Gedanken, Erlebnisse, Fragen, Bilder von mir (Schwarzweissfotos auf Leinwand mit handgemalten Farbtupfern)  und Fotos sammeln, festhalten und für das weltweite Netz freigeben. Ich bin überzeugt davon, dass dieser Blog ein buntes Sammelsurium wird, als Abbild meines Lebens.

Ich bin eine Jahrgang 63 igerin, Familienmanagerin, Mutter von drei Kindern, welche teilweise bereits erwachsen sind, seit 1987 glücklich verheiratet mit Andy, überzeugte Christin, Hobbyfotografin, Testkundin, freie Autorin des SCM Bundes-Verlags (Schweiz) und des Nidwaldner Blitz , Katzenbesitzerin, Mitarbeiterin für Kindergottesdienste der ref. Kirche Buochs (ohne reformiertes Kirchenmitglied zu sein).

In der Hochsensibilität erkenne ich Wesenszüge von mir wieder. Eben – bin manchmal „übergmerkig“, mit allen Vor- und Nachteilen.