Non arrivederci Italia – nicht Aufwiedersehen Italien

Non arrivederci Italia – nicht Aufwiedersehen Italien

Es sollten gemütliche Ostertage werden in Olgiate Olona, Italien für uns als fünfköpfige Familie plus dem Freund der mittleren Tochter. Es wurde ein Alptraum, der uns 6 zum Schluss kommen liess: nie mehr Italien!

„Warum um Himmels willen, verreist ihr über die Ostertage in den Süden?“ fragten uns Verwandte und Bekannte. Von wegen Stau und so. Es war der Wunsch meines Mannes, den Comersee zu erleben. Er suchte ein auf booking.com gut bewertetes Hotel geographisch in der Mitte zwischen Como und Mailand gelegen aus.

Um den Osterstau in den Süden zu umfahren, starteten wir am Karfreitag früh mit zwei Autos um 5.30 Uhr. Vor Erstfeld verliessen wir die Autobahn und genossen unsere Pässefahrt über den Oberalp und Lukmanier. Die ersten Sonnenstrahlen auf den Bergen, die Natur – alles war traumhaft. Nur mein Mann neben mir musste sich noch von der letzten Chemoeinheit erholen. Es war ihm etwas übel – aber nicht mehr so stark wie am Gründonnerstag und er war sehr müde.

Im Hotel angekommen, waren wir zu früh dran mit Einchecken. Die Zimmer waren noch nicht bezugsbereit. Die Dame an der Rezeption empfahl uns, per Park and Rail ins Zentrum von Milano/Mailand zu fahren. Lampugnano hiess der empfohlene Parkplatz. Er war günstig und überwacht per Kamera, Schranke und Parkdienstmitarbeitern vor Ort. Im Zentrum von Milano angekommen, hielten wir uns nur in der Viktor – Emanuel – Passage und dem Domplatz auf, wo wir etwas zu Mittag assen. Mein Mann schlief dabei ein und wir entschlossen, zu Zweit das Hotel aufzusuchen, wo man mittlerweile einchecken konnten. Die anderen 4 wollten noch etwas in Milano verbleiben. Auf dem Parkplatz angekommen, fielen uns sofort alkoholisierte, verwahrloste Menschen auf. Einer drängte sich uns auf als „Hilfe“ beim Parkticket bezahlen, gegen Almosen. Beim Auto angekommen, sahen wir die „Bescherung“: die Autoscheibe war eingeschlagen und unser grosser Koffer fehlte.

WhatsApp Image 2017-04-14 at 19.59.55.jpeg

Seltsamerweise haben die Diebe nicht alles mitgenommen. So lagen noch Sandwiches, die Nackenrolle meines Mannes, seine Medikamente (!!), das Badezeugs (Tücher und Badebekleidung) im Auto. Auch das fahrlässig zurückgelassene iPad unseres Sohnes übersahen sie, wahrscheinlich, weil es in einem unscheinbaren Stoffsack verpackt war. Es musste wohl schnell gehen bei denen, denn ein T-Shirt unseres Sohnes lag noch vor dem Auto draussen herum. Dasselbe mit eingeschlagener Scheibe war auch bei unserem zweiten Auto der Fall. Ich dachte in diesem Moment nur noch: „Schnell weg hier, der Ort ist mir zu ungeheuer und mein Mann soll sich im Hotelzimmer ausruhen können. Unser Hotel ist ein 4 Sternhotel, da wird man sich vollumfänglich um uns kümmern. Die Polizei rufen, uns beraten wegen dem Autoschaden. Sich um seine Gäste zu kümmern, das gehört sich doch für ein 4 Sternhotel.“ So dachte ich jedenfalls. Damals.

Unterwegs telefonierte ich unseren Kindern und schilderte ihnen den Vorfall. Sie machten es mir später zum Vorwurf, dass wir nicht zusammen das weitere Vorgehen besprochen hatten und miteinander die Polizei und eine Garage aufgesucht hatten. So musste jede Partei dies selber erledigen. Ich handelte im Schockzustand und mein Mann war gesundheitlich eh angeschlagen.

Im Hotel angekommen, lächelte der Rezeptionist bloss die ganze Zeit, als wir ihm unser Schreckerlebnis erzählten. Selbst als ich ihn darauf ansprach, dass es nichts zum Lachen gäbe, lächelte er weiter. Ich glaube, der ist so trainiert, auf dieses Dauersmiley. Er teilte uns mit, dass die Carabinieri in Italien nie, aber auch wirklich nie an den Ort eines Geschehens komme, sondern wir müssten eine Polizeiposten aufsuchen. Nochmals 15 Minuten Autofahrt – und mein Mann wäre gern einfach aufs Bett gelegen, zeigte dies aber leider nicht vor dem Rezeptionisten. Ich wäre beharrlicher gewesen, dass Hilfe zu uns hätte kommen sollen. Oder zumindest, dass das Hotel einen Dolmetscher für uns aufgeboten hätte. Denn der lächelnde Herr am Hotelempfang beschied uns, dass auf dem Polizeiposten wohl ausschliesslich Italienisch gesprochen werde. Ich sagte ihm, dass ich zwar un pochettino (ein kleines Bisschen) Italiano verstehe und noch weniger sprechen würde, aber dass meine Sprachkenntnisse niemals ausreichen würden, um so ein Geschehen zu schildern. Seine Antwort? Ihr errät es: ein Lächeln. Er gab uns die Adresse des Carabinieripostens bekannt – das war dann seine ganze Hilfe. Dort auf dem Posten war man zwar nett zu uns, aber es war gleichzeitig auch eine Katastrophe. Der Computer dieser Carabinieri war wohl seit Tagen oder gar Wochen nicht aufgeschaltet worden, denn nach dem Starten (!) waren eine Reihe an Updates dran. Dieser Prozedere brach der freundliche Carabinieri nach etwa 5 Minuten ab und begann mit zwei Fingern den Rapport zu tippen. Zwischendurch zeigte er mir ganz stolz ein Stoffabzeichen. Dies hätte er sich verdient, weil er im Tessin einen Englischkurs belegte. Er war der einzige der Belegschaft, der un pochettino Englisch sprach. Wo die nächste Garage sei, welche uns das Fenster provisorisch abdecken könne, konnte er uns nicht sagen. Er verstand die Frage auch beim fünften Mal auf jede erdenkliche Variante gestellt, nicht. Wir fanden dann selber eine und das Fenster wurde gegen 80 Euro sehr gut provisorisch mit Plexiglas gedeckt.

Der ganze Aufwand kostete uns 3 Stunden Zeit und Nerven. Den anderen Familienmitgliedern 4 Stunden und noch mehr Nerven. Denn auf dem Polizeiposten, welchen sie aufsuchten, konnte niemand auch nur ein bisschen Englisch sprechen. Alles Verständigen geschah via Google Translator. Wirklich Hilfe erfuhren sie bloss, indem sie der Schweizer Polizei anriefen. Das gibt eine teure Telefonrechnung. Wie kann es sein, dass die Polizei in Italien keine Fremdsprache beherrscht? Bei uns muss für so einen Posten Mehrsprachigkeit vorgewiesen werden.

Mittlerweile wurde es spät. Aber das Hotelpersonal fragte nicht, ob sie uns mit Zahnbürsten und dem Nötigsten für eine Nacht aushelfen könnten. Als wir ihnen schilderten, wie es uns auf der Polizei und Garage ergangen war und nochmals unser Verständnis darüber ausdrückten, dass die Polizei nicht an den Ort des Geschehens ausrückte, meinte der Angestellte bloss, Italien habe ganz andere Probleme. Mag sein. Aber wenn sie sich nicht um die Probleme ihrer Gäste kümmern können, haben sie keine Touristen verdient.

Die Nacht war laut. Auf dem Flur unterhielten sich italienische Familien mit kleinen Kindern lautstark bis weit nach Mitternacht hinaus. Erst als ich „Silenzio per favore!“ (Ruhe!) in den Gang schrie, klappte es plötzlich mit der Ruhe. Nur, um 7 Uhr wieder mit demselben Palaver zu starten. Es ist mir ein Rätsel, warum man den Flur nicht benutzt, um einfach schnell in sein Zimmer zu kommen und nicht daran denkt, dass andere vielleicht schlafen möchten.

Das Frühstücksbuffet hatte bis 10.30 Uhr offen. Eine Stunde vorher mussten wir uns etwas zusammenkramen aus den unappetitlichen Resten. Kein Brot, keine Rühreier, keine Gläser für Orangensaft waren vorhanden.

Als wir zwei Tische zusammenstellten, damit wir 6 beisammen sitzen konnten und das weitere Vorgehen besprechen konnten, schnauzte uns ein Kellner an. Doch diese zwei Tische behinderten überhaupt niemanden. Jeder konnte problemlos an uns vorbeikommen. Der Kellner schmiss uns das Besteck hässig auf den Tisch. Ich konnte es kaum glauben! „Wir sind hier in einem 4 Sternhotel?“ fragte ich ihn. Er bejahte. „Nein, das sind wir nicht“, antwortete ich. Von da an ignorierte er mich komplett.

Wir waren auch sonst nicht rundum zufrieden mit dem Hotel. Eine ausführliche Bewertung findet ihr mittlerweile auf Tripadvisor, Booking.com, Google, Facebook und holidaycheck. Das Kommentieren und Bewerten auf Social Media wollten mir Damen von der Rezeption verbieten!

An diesem ersten Morgen verliess uns der Freund unserer Tochter. Ihm war das Ganze verleidet. Wir als Kernfamilie verblieben. Denn wir wussten, dass in der Schweiz Dauerregen herrschte. Unser Zeugs war weg, daran liess sich nichts ändern. Wir wollten das Beste aus der Lage machen und versuchen, die südliche Sonne zu geniessen. Deshalb nahmen wir uns ein grosses Taxi und liessen uns nach Como transportieren. Unser Auto konnten wir ja nicht brauchen, denn die Scheibe hätte sich leicht eindrücken lassen und wer weiss: weitere Diebe hätten noch das Autoradio ausbauen können oder die Sitze aufschlitzen aus Wut darüber, dass wir kein Gepäck dabei hatten. Wir kauften in Como Zahnpasta, Zahnbürsten, Unterwäsche, Pijamas, T-Shirts, Jeans etc. ein und erlebten in einem Café leider nochmals die italienische Mentalität eher nicht so positiv.

Wenigstens klappte der Taxidienst hervorragend. Zurück im Hotel erlebten wir den Paukenschlag: mein Sohn hat vom Raub aus den Autos grad noch eine neue Jogginghose und einen teuren Bademantel übrig gehabt. Die wurden nicht geklaut. Dafür aber von jemandem des Hotelpersonals. Aus dem Hotelzimmer! Ich meine – das Zimmer war leer – da befanden sich keine anderen Kleider und Habseligkeiten unseres Sohnes. Es gab mit einer einzigen Hose und einem Bademantel kein unübersichtliches Teeniechaos im Zimmer. Er wusste genau, dass er beides über die Sofalehne gelegt hatte. Sie waren weg! Doch uns wurde nicht geglaubt am Hotelempfang. Was das Schlimmste ist für ein Hotel, nämlich Diebstahl aus dem Zimmer, darf nicht sein und folgedessen findet es ganz einfach nicht statt. Wer sowas behauptet, ist ein Lügner! Wir vermuteten, es könnte ein Angestellter gewesen sein, der ins Zimmer treten musste, um den Safe zu reparieren, welcher nicht funktionierte. Dieser wurde übrigens nicht repariert, obwohl die Mitarbeiter behaupteten, er sei repariert worden. Es war kein Strom drauf. Unser Sohn ist Stromerlehrling und versteht was davon. Die Mitarbeiter seien befragt worden, hiess es und keiner habe etwas entwendet. „Ja natürlich würden die sofort einen Diebstahl zugeben“, war meine ironische Antwort. Wir müssten den Diebstahl beweisen. „Also, dann wertet die Überwachungskameras aus“, forderte unser Sohn. Nein, das würden sie nicht tun. Ok – wie sonst können wir den Diebstahl beweisen? Die Polizei hätte natürlich kommen müssen, aber uns wurde ja vorher mehrmals versichert, dass die nie kommen werde, denn sie hätten grössere Probleme im Land.

Nun fühlten wir uns nicht mehr sicher. Es war zu spät, um in die Schweiz zu fahren und so übernachteten wir nochmals dort. Doch am Sonntag verliessen wir diese ungastliche Stätte. Eine Nacht vor der geplanten Abreise. Zuerst wollten sie uns diese Nacht nicht vergüten, später taten sie es doch. Nur, um uns noch später ein Mail zu schicken, mit dem doppelten Betrag, den wir vorher bestätigt bekamen. Unsere Verwirrung war komplett und wir werden die Kreditkartenabrechnung genau checken. Notfalls haben wir einen Rechtsschutz.

Fazit: wir haben so übergenug von der italienischen Mentalität von: uns ist es so egal, wie es euch geht, denn es geht euch immer noch besser als uns. Und davon, dass die wenigsten Englisch beherrschen. Und von den Langfingern in Italien. Und davon, dass die italienische Polizei nicht da ist, wenn man Hilfe vor Ort benötigt. Sich dafür lieber um Musiker kümmern und sie wegweisen, wenn sie schön in Como auf einem Platz spielen. Ein Raub aus dem Auto kann überall passieren. Das ist das eine. Das könnte man verkraften. Aber dass dann niemand da ist, der Interesse hat, zu helfen, das gibt einem ein Gefühl der Hilflosigkeit und Wut. Ein Gefühl der Sicherheit zu haben, ist das grundlegendste, menschliche Bedürfnis. Dies wurde uns entzogen. Gefolgt vom Grundbedürfnis nach menschlicher Zuwendung. Auch dies wurde uns nicht gewährt. Auch die menschlichen Grundbedürfnisse für eine Nacht wurden vom Hotel nicht abgedeckt. Und dann noch nicht mal das Grundbedürfnis nach Nahrung so wirklich. Krümel liessen sie uns grosszügigerweise. Aber wie gesagt: es war ein 4 Sternhotel. Wie es zu den guten Bewertungen gekommen ist, weiss nur die Hotelleitung. Ok – Italiener sind natürlich mit einem Espresso zum Frühstück zufrieden. Nein – nie mehr Italien.Wir haben genug. Basta!

Auch auf eine Intervention von booking.com hin, gab das Hotel dieselbe Antwort, welche mich nicht überrascht:

Bildschirmfoto 2017-04-19 um 21.03.28.png

An dieser Stelle ein Tipp für den menschlichen Umgang: es hilft einem in dieser Situation nicht, wenn man uns in irgend einer Weise belehrt. Es hilft auch nicht, zu hören: „dann verreist doch nicht mehr und baut euch eine Mauer rund um euch, dann seid ihr in Sicherheit. Lasst sie euch von den Nachbarn bezahlen.“ Es hilft nicht, Italien verteidigt zu bekommen. Wir haben es nun mal so erlebt, wie wir es erlebt haben und möchten uns nicht mehr dieser Gefahr und dem Gefühl der Unsicherheit aussetzen und dem Wissen, dass einem bei einem schlimmen Erlebnis nicht geholfen wird. Solche Kommentare benötigt man in diesem Moment einfach nicht. Sie wirken verletzend. Nicht gedacht, hm? Dann habt auch ihr was zum Zwischenmenschlichen gelernt. Was einem hilft in so einer Situation ist zu hören: och, das war mühsam für euch, wir verstehen eure Wut. Ganz einfach nur das. Mehr braucht man nicht an Reaktion. Ausser ein bisschen Verständnis.

Nachtrag, 5.5.17: Habe nochmals auf Google nachgeschaut, ob sich bei den Bewertungen was Neues ergeben hat beim MO.OM Hotel. Und was sehe ich da? Bereits vor 10 Monaten schrieb jemand was von Diebstahl aus dem Zimmer! Das war also nicht das erste Mal bei uns.

Bildschirmfoto 2017-05-05 um 10.22.12.png

Intensive Chemowoche

Intensive Chemowoche

Die 1. Chemoeinheit liegt hinter „uns“. Es war eine emotional und körperlich anstrengende Zeit. Jetzt wissen wir etwas besser, was Chemo heisst. Bisher konnte ich persönlich mir nie so recht ein Bild machen, wie genau so eine Therapie vor sich geht. Und so sieht Chemo also nun aus:

17191902_10208786560402613_6849303063736484623_o

Während ein paar Stunden tröpfeln verschiedene Medikamente in den Körper des Patienten. Im Kantonsspital Luzern ist es so, dass entweder Zweierzimmer oder eine Art Lounge für die Tagesklinikpatienten zur Verfügung stehen.

Unsere Woche sah so aus:
Am Montag, 6. März 17 fährt mein Mann per ÖV auf 8 Uhr ins Kantonsspital und erhält über 9.5 Stunden eine Immuntherapie, als Vorbereitung auf die Chemo. Diese erträgt er ohne Nebenwirkungen. Als ich ihn um 17.30 Uhr per Auto abhole, wirkt er ziemlich fit. Für mich ist es eine Herausforderung, das Auto durch den Stadtverkehr zu lenken, bin ich doch nicht eine wirklich geübte Autofahrerin.

Dienstag, 7. März: mein Mann und ich fahren auf 8 Uhr per Postauto, Zug und Bus ins Kantonsspital. Der Grund, warum wir nicht per Auto fahren ist, dass wir das Auto nicht über so lange Stunden im Parkhaus stehen lassen wollen. Wir rechneten mit hohen Gebühren. Erst am Abend erfahren wir, dass ab 3 Std. Aufenthalt der Patient das Ticket auf der Tagesklinikstation umtauschen kann und dann nur noch 5.– bezahlen muss. Manchmal wäre man froh, man hätte gewisse Infos im Vorfeld. Ich bin mir diese Informationspolitik eigentlich nicht gewohnt vom Kantonsspital Luzern. Wenn ich mal was hatte, habe ich immer einen Zettel mit allem Wissenswerten im voraus erhalten. Wir nahmen zum Beispiel auch an, dass wir per Auto nicht direkt vor den Haupteingang fahren dürften. Denn vor der Schranke ist ein allgemeines Fahrverbot und zusätzlich heisst es: „Nur für Notfälle“. Also, jemand abzuholen, ist für mich kein Notfall. Und dennoch fuhren soviele Autofahrer durch diese Schranke hindurch? Alles akute Notfälle? Ich hatte mich am Montagabend nicht dafür, meinen Mann dort abzuholen und wartete auf ihn bei der Einfahrt der Mitarbeiterparkplätze. Die Dame am Infoschalter aber klärte mich dann auf meine Frage hin auf: doch für ca. 15 Min. darf man vor dem Haupteingang und dem Platz rundherum parkieren, um jemand auszuladen oder abzuholen. Warum wird einem das nicht vorher gesagt?
Ich leiste meinem Mann bis nach dem Mittagessen Gesellschaft. Es sollte das letzte volle Menü sein, dass er und ich für längere Zeit geniessen können. Doch das ahnen wir da noch nicht. Ich erhalte das komplette Menü mit Getränk als Angehörige eines Patienten gratis. Sehr grosszügig!
Nach dem Mittagessen versuche ich mich ein wenig abzulenken, indem ich in die nahe Stadt etwas lädelen gehe. Mein Mann hält ein Nickerchen.
Später geniessen wir unser Zusammensein trotz allen widrigen Umständen und werden um 17.30 Uhr von unserer lieben Nachbarin per Auto abgeholt. Auch an diesem Tag klagt mein Mann über keine negativen Nebenwirkungen der Chemo.

Mittwoch, 8. März: die Chemo dauert an diesem Tag nur am Vormittag. Die letzten zwei Tage lag mein Mann dazu in einem Zweierzimmer. Heute wird er gefragt, ob er bereit wäre, das Bett mit einer Art bequemem Fernsehsessel in einer Tageskliniklounge zu tauschen. Er findet es grad so bequem und kurzweilig, wie im Zweierbettzimmer. Auf mich wirkt diese „Lounge“ futuristisch. Es kommt mir so vor wie ein Blick in die Zukunft: da liegen Menschen ganz bequem und lassen sich per Infusion das Nötige einflössen. Vielleicht in der Zukunft Vitamine, Mineralstoffe oder gar Nahrungsmittel? :-O Dieser Teil der Tagesklinik wirkt für mich nicht wie ein Spital. Aber der Besucherstuhl ist unbequem. Am Abend habe ich derart Nackenschmerzen, dass ich eine Schmerztablette benötigte. Bequemere Sitzgelegenheiten für Angehörige, wären kein Luxus. Dort stundenlang zu sitzen, hängt mit der Zeit an.
Zuhause kann es vorkommen, dass ich ausser meiner Familie keinen einzigen Menschen sehe. Ein Kantonsspital ist ein Ort, an dem ein Riesenbetrieb herrscht. Als hochsensible Persönlichkeit (HSP) prasseln diverse Gerüche (Desinfektionsmittel? Medi? Menschen, Essens- und Teegerüche), Geräusche, aber auch wahrgenommene Emotionen meiner Mitmenschen ungefiltert auf mich ein. Ich stehe vor der Caféteria und beobachte medizinisches Personal. Sie tauschen miteinander aus. Was besprechen sie? Sie sehen so seriös aus. Gehen ihnen die Schicksale ihrer Patienten zu Herzen oder nicht? Dort sitzt eine Frau, sehr bekümmert. Besucht sie jemanden? Hat sie eine schlechte Diagnose erhalten? Plötzlich ein Notfall in der Caféteria: ein Senior bricht zusammen und eine handvoll Ärzte sind sofort zur Stelle. Der Mann wird mit wachsfarbenem Gesicht auf eine Caféteriabank gelegt. Oh nein! Wie tut mir dieser arme „Grossdädi“ leid. Hoffentlich überlebt er dies schadlos. Auf der Station meines Mannes liegen ein Manager, der während der Infusion am Laptop arbeitet, mit der Sekretärin telefoniert und was wegen „Codierungen“ abmacht. Vis-à-vis liegt ein Jugendlicher, der seine Schularbeiten erledigt und der medizinischen Pflegefachkraft erzählt, am Nachmittag gehe er arbeiten (ist wohl ein Lehrling). Weiter hinten im Raum erklärt ein Arzt einer älteren Patientin, dass die Chemo ganz sicher, aber eine Operation vielleicht auch noch nötig sei. Alle Schicksale berühren mich. Die Krankheit Krebs macht vor keinem Status, keinem Alter Halt. Sie kann jeden treffen. Was ich in diesem Abschnitt geschrieben habe, geht mir in Minutenbruchteilen durch den Kopf und durchs Herz. Am Ende der Woche bin ich erschöpft. Weil ich innerlich mitleide mit meinem Mann – und auch den anderen Patienten, weil ich soviel aufnehme mit allen Sinnen und weil ich jeden Tag den für mich ungewohnten und zudem enorm dichten Verkehr per Auto bewältige. Aber zudem auch noch, weil zuhause unterdessen alles liegenbleibt. Zudem habe ich grad zur Zeit enorm viele Schreibaufträge.

WhatsApp Image 2017-03-07 at 16.55.44.jpeg

Aussicht vom 11. Stockwerk. Tagesklinik Kantonsspital Luzern. Im Bild der Rotsee.

Zurück zum Mittwoch: am Mittag darf ich meinen Mann heim chauffieren und zuhause grad sofort an den Herd stehen, um für uns als Familie zu kochen. Am späteren Nachmittag gehts an eine Redaktionssitzung.

Donnerstag, 9. März: meinem Mann ist es wie angerührt schlecht. Geplant wäre gewesen, dass er per ÖV am Mittag ins Spital anreisen und ich ihn am Abend abholen würde. Doch es ist ihm so übel, dass ich ihn sowohl hin- wie auch retour fahre. Der Verkehr ist derart überlastet und das Parkhaus überbelegt, so dass wir für einen Autoweg, der innert 20 Minuten bewältigt werden könnte, eine geschlagene Stunde benötigen. Deshalb tue ich mir das nicht an, diesen Weg mehr als nötig unter die Räder zu nehmen und bleibe lieber im Spital. Ich habe den Laptop von zuhause mitgenommen und der Plan ist, dass ich an einem Schreibauftrag im Spital arbeiten könnte. Doch der „cheiben“ Laptop lässt sich nicht starten. Eine Pflegefachkraft bemüht sich, mein Problem zu bewältigen. Ich drücke meine Dankbarkeit aus, aber auch, dass sie ja bestimmt andere Aufgaben zu erledigen hätte, als ausgerechnet noch bei meinem Laptopproblem eingreifen zu müssen. Sie verlässt, sich einverstanden erklärend, das Zimmer und ich beginne zu schluchzen. Meinen Mann so elend zu sehen, ist der Hauptgrund. Dass der Laptop nicht läuft und zuhause die Arbeit liegen bleibt, sind die Tropfen, welche das Fass zum überlaufen bringen. Meinem Mann geht es nach einer Tablette schnell besser und auch der Laptop startet doch noch.

WhatsApp Image 2017-03-09 at 15.45.05.jpeg

Vor einer Minute noch weinte ich, wie wenn die Welt untergehen würde. Mobiler Arbeitsplatz im Kantonsspital Luzern. Mein Mann hat mich vom Bett aus fotografiert.

Ich darf wissen: meine liebe Nachbarin kümmert sich ja wenigstens ums Zusammenfalten unserer Wäsche. Doch zuhause angekommen, erwartet uns eine grosse Überraschung: nicht nur die Wäsche ist zusammengefaltet, auch alle Böden sind staubgesaugt, feucht aufgenommen und das Parket glänzt, weil die Nachbarin es mit Parkettpflegemittel bearbeitet hat. Es ist so schön, von so lieben Mitmenschen umgeben zu sein.

Freitag, 10. März: meinem Mann ist es trotz Medis gegen Übelkeit immer noch schlecht. Wir schaffen es, wenigstens einen Spaziergang ins Dorfcafé zu machen und treffen eine liebe Bekannte. Ich fahre ihn zum Coiffeur zu einer anderen Bekannten im Nachbardorf. Auch das geht ihm gut, trotz flauem Magen. Ich nehme einen Interviewtermin wahr. Heute ist zum Glück chemofrei. Die erste Woche ist geschafft. Jetzt gibt es drei Wochen Pause und dann werden wieder 3 Tage Chemoeinheiten dran sein. Dieser Rhythmus wird bis September unseren Alltag prägen.

Samstag, 11. März: noch immer ist es meinem Mann übel. Seit Donnerstag mag niemand von unserer Familie richtig essen. Keiner hat wirklichen Appetit. Mein Mann hat 6 kg abgenommen und das ist nicht so ideal. Wir erholen uns alle etwas an der Sonne auf dem Balkon. Ich pflanze Primeln in Kistchen und hoffe, dass ihre Farben auch uns etwas Lebensfreude bringen. Unsere älteste Tochter macht ein Krankenbsüechli bei ihrem Vater.

Sonntag, 12. März: meinem Mann geht es etwas besser. Die andere Tochter besucht uns. WhatsApp Image 2017-03-12 at 12.04.54Wir schaffen es in den Nachmittagsgottesdienst unserer Freikirche, wo wir immer viel Liebe erfahren und auftanken können.

Montag, 13. März: mein Mann nimmt die Arbeit wieder auf, nachdem er letzte Woche krank geschrieben war. Es geht ihm „ordeli“ (ordentlich/zufriedenstellend). Noch haben wir alle nicht denselben Appetit wie sonst, aber es kommt glaub langsam wieder besser.

Wir sind von vielen lieben Menschen umgeben welche sagen: wenn ihr was braucht, meldet euch. Wir sind gern für euch da. Ihr seid nicht alleine. Was für ein Glück!
Aber es ist schon eine Ausnahmesituation, in der wir stehen. Das Ganze trägt für meine Empfindungen was Surreales. Ich wähne mich manchmal einfach im falschen Film. Nicht als Zuschauerin, sondern mit meinem Mann zusammen als Schauspieler. Das was hier passiert, ist doch nicht wirklich real, oder? Leider aber schon. Die Leukämie und der Kampf gegen sie, ist brutale Realität.

Mascha Kaleko
„Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treibe…
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr –
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!“

Die Welt sollte still stehen – Am Morgen geschrieben, am Abend bebte die Erde

Ich höre Lachen vor unserer Wohnung. Menschen plaudern miteinander. Auch auf Twitter und Facebook tauschen sie sich aus, über Trump, Montage, Husten, den vergangenen Tatort und über die Basler Fasnacht. Die Welt dreht sich ganz normal weiter. Die Leute gehen ihrer Arbeit nach, kochen, putzen, fahren Auto oder ÖV, hören Musik – leben und lieben ihr Leben, ihre Beziehungen. Dabei sollte sie eigentlich still stehen, die Welt. Sie sollte sich aufhören zu drehen, langsam knirschend zum Stillstand kommen und mit mir zusammen seufzen.

Mein Mann beginnt heute die Chemo. Bisher schaffte ich es manchmal, die schlechten Blutwerte, welche ja nur auf Papier da stehen, zu ignorieren. Was haben uns schon Blutwerte zu sagen, wenn mein Mann zwar abnimmt und sich von einer Erkältung nicht erholt, aber dennoch noch Ski fahren und in die Turnstunde fahren mag? Wenn er weiterhin liebevoll und fürsorglich für mich und seine Familie da ist und wir keinerlei Veränderungen feststellen, Gott-sei-Dank? Aber der Therapiebeginn stellt uns, wie jeder vergangene Arztbesuch die Dramatik und den Schweregrad der Krankheit vor Augen. Einerseits habe ich das Gefühl: so – endlich geht was vorwärts und er kann gesund werden. Andererseits heisst „Chemo“ nicht, dass da einfach Wasser durch seine Adern gelassen wird. Eine unbehandelte Leukämie und eine, bei der alle Therapiemassnahmen versagen, ist todbringend.

Manchmal lag ich in der letzten Zeit am Boden – noch bevor die Behandlung begann. Mir verschlug die Diagnose buchstäblich den Atem. Ich ringe um Luft, wenn ich spazieren gehe und fühle mich auch sonst einfach nur erschlagen. Innerhalb einer Woche haben mein Mann und ich je 3 Kilo abgenommen. Nicht, weil ich nicht gut kochen würde – glaub, denn sonst würde unser Sohnemann nicht derart zuschlagen. 😉 Mein Mann nimmt krankheitsbedingt ab und ich vor lauter Mit-Leid. Ich kenne das von mir: wann immer jemand der Familie krank ist, kriege ich dieselben Symptome, aber meist, ohne wirklich an derselben Krankheit ernsthaft zu erkranken. Einfach aus Empathie… Mein Mann ist es, der mich jeweils ermutigt, mich versteht, verwöhnt, geduldig und vorwurfsfrei ist. Ich glaube, einen solch lieben Mann, wie er mir geschenkt wurde, gibt es nirgendwo sonst. Er ist ein Geschenk Gottes und ich möchte das Leben noch so lange Jahrzehnte mit ihm zusammen geniessen können.

Ich möchte noch so lange mit ihm zusammen lachen.. Mit ihm plaudern und beten. Mit ihm zusammen austauschen über Trump, Montage, Husten, den vergangenen Tatort und über die Basler Fasnacht. Ich möchte mit ihm zusammen die Welt entdecken, welche sich hoffentlich noch lange weiter dreht. Ich hoffe, dass wir die USA Reise antreten können, welche wir bereits gebucht haben, bevor uns die Diagnose traf. Jeder von uns soll seiner geliebten Arbeit nachgehen und wir werden uns weiterhin darüber austauschen – er wird mein Erstleser sein für meine Artikel und ich werde ihn ab und zu an der Arbeitsstelle besuchen, wie bisher. Wir werden zusammen den Haushalt schmeissen, Familienfeste feiern, miteinander Konzerte geniessen, Filme schauen und darüber austauschen, unsere 30ig jährige Ehe feiern. Hoffentlich.

Nachtrag: fast unheimlich: heute Abend stand die Welt zwar nicht still, aber die Erde hat gebebt. Bei uns war es so, wie wenn ein Riese kurz das ganze Haus hochheben , raus aus den Angeln, etwas hin- und herschütteln und dann wieder unsanft niedersetzen würde. Bücher fielen aus dem Regal. Dachte zuerst, es sei einfach ein heftiger Windstoss gewesen. Aber dann begann unser Familienchat heiss zu laufen, denn auch in den Nachbardörfern war es spürbar und andere fragten mich auch per Whatsapp, ob ich was gespürt hätte…


Ich habe mit gott geredet darüber und ich meine, ihn so gehört zu haben:
„egal welche ursache dieses erdbeben hatte, dir persönlich soll es erstens als symbolik dienen, dass ich für dich die erde anhalten würde, wäre dir damit wirklich gedient. Ich habe das universum für dich aus lauter liebe angehalten, als jesus für dich starb. Das ganze universum hielt die luft an. Aus liebe und wertschätzung für dich. Jetzt trifft dich die erkrankung andys wie ein erdbeben. Du wirst zutiefst erschüttert und durcheinander gebracht. Dadurch stürzen festungen ein (!!) aber sei gewiss, mich selber kann nichts erschüttern. Ich bin betroffen und fühle mit dir. Aber nichts hebt mein reich aus den angeln. Steh im erdbeben auf meinem fundament. Es zerfällt nicht. Es hält ALLEM stand. Du wirst keinen schaden nehmen.“

Mehr oder weniger ermutigend

Es ist schön, dass unsere Mitmenschen Anteil nehmen an der Krebsdiagnose meines Mannes. Viele bieten ihre Hilfe an. Noch wüsste ich nicht, worin sie helfen könnten – aber wer weiss. Bei Bedarf (vielleicht Fahrdienste?) komme ich gern darauf zurück. Mir helfen Einladungen zum Käffelen (Kaffee trinken) oder Spazieren gehen, um plaudern zu können. Kürzlich durfte ich bei einer guten Bekannten aufs Klangbett (Monochrom) liegen. Wie wohl mir das tat! Auch eine Ganzkörpermassage konnte ich kürzlich geniessen (ein Weihnachtsgeschenk meines Mannes) und das half, abzuschalten. Ja, ich weiss, es geht nicht um mich. Nicht ich bin betroffen von dieser fiesen Krankheit, aber doch irgendwie auch – als Angehörige. Ich höre von vielen Seiten: „nun musst du stark sein, du sollst ein Hoffnungsträger sein für deinen Mann.“ Lieb gemeint – aber es könnte mich unter Druck setzen. Tut es zum Glück nicht. Dennoch: etwas Wahres hat es – wenn ich hoffnungslos und am Boden zerstört bin, dann hilft das meinem Mann bestimmt nicht. Ich habe mir vorgenommen, während des kommenden halben Jahres (solange ist die Chemo geplant), immer wieder Oasen zum Auftanken für mich zu suchen. Gut getan haben mir natürlich auch die Ferien, welche wir Gott-sei-Dank letzte Woche als ganze Familie gemeinsam erleben durften. Wir konnten alle 5 so richtig Kraft tanken und den Zusammenhalt stärken, für die bestimmt harte, herausfordernde Zeit, welche uns bevorsteht.

Bildschirmfoto 2017-02-27 um 14.18.38.png

Was mir überhaupt nicht hilft, sind die vielen tragischen Filmbeiträge und Medienberichte, welche über Todesfälle bei Krebserkrankten berichten. So wie am Samstag bei Happy Day. Es ist mir klar, dass eine solche Sendung auf Tränendrüsen drücken muss – es ist ihr Konzept. Und es war ja auch total schön, wie dieser Familie geholfen wurde, welche grad zwei Todesfälle aufgrund der Krebskrankheit zu beklagen hatten. Nur – mir vermittelt es die Botschaft: an Krebs stirbt man. Man kann es nicht überleben. Auch mein Mann war nach dieser Sendung „duch“ (bedrückt). Ich getraue mich fast nicht mehr, den Fernseher einzuschalten, denn achtet euch mal selber: soviele Filme handeln davon, wie jemand auf tragische Weise einen geliebten Mitmenschen durch Krebs verliert. Kürzlich wollten wir uns als Familie etwas Besonderes gönnen und besuchten deshalb das Theater Buochs. Wir hörten, die „Kaländer Girls“ seien dieses Jahr eine besonders gelungene Inszenierung. Mein Mann, unser Sohn und ich aber standen in der Pause bloss bedrückt herum und fuhren nach dem Theaterabend schweigend heim. Wir wussten zwar, dass das Stück einen Krebstodesfall zum Inhalt hat. Wir meinten aber, das Stück starte mit dem Tod des Ehmanns und dann sei es nur noch lustig. Dass der tragische Zerfall des Erkrankten derart eindrücklich, emotional dargestellt wird und vor allem über so eine lange Strecke, das wussten wir nicht. Für uns Betroffene war es zu hart. Klar gab es auch lustige Szenen, aber das Dramatische und Tieftraurige der Krebserkrankung und des Todesfalles überwog. Wir wünschten uns, wir hätten diesen Abend zuhause verbracht bei einem lustigen Gesellschaftsspiel. Ich hätte es geschätzt im Vorfeld zu hören: „sei dir bewusst, der Kampf mit der Krebserkrankung, das langsame Sterben und der Tod, nehmen einen grossen Teil des Theaterstücks ein.“ Stattdessen hörten wir: „geht doch dorthin, es wird euch gut tun, einen Abend lang lachen zu können. Die Schauspieler sind zum Schiessen lustig, waren noch nie so gut…“ Ich glaube, sovieles ist Nichtbetroffenen überhaupt nicht bewusst und deshalb hier diese Zeilen. Gut gemeint, aber es war nicht hilfreich.

Glaubt mir, es hilft mir auch nicht, wenn ihr mir von Bekannten, Verwandten erzählt, welche ebenfalls an Krebs gestorben sind. Vielleicht sehe ich so stark aus, dass man meint, ich könne nun noch ausführliche Schilderungen ertragen von Verlusten, welche ihr erlitten habt. Aber ich bin es nicht. Ich ertrage es ihm Moment nicht. Meine Haut ist dünnhäutig. Wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, dann erzählt von Menschen, welche durch die Chemo vom Krebs geheilt wurden. Denn ich höre wirklich fast ausschliesslich, dass der Krebs über das Leben siegte. Eine einzige Blognachricht erreichte mich mit einer positiven, mutmachenden Erfahrungsgeschichte. Danke Soja Koala. „Ja aber Chemo“, sagt man uns, „das ist dann nicht das Allerweltheilmittel. Dein Mann sollte das Produkt XY nehmen. Keines ist so gut wie das und es hilft und heilt wirklich von Krebs. Und eine Ernährungsumstellung muss auch zwingend sein.“ Lasst euch sagen: wenn wir einen Rat brauchen, dann fragen wir euch oder Google. Die vielen Ratschläge verunsichern uns und das Abklären, ob das Produkt XY nicht doch helfen könnte oder lieber das andere, welches auch als das einzig wahre angepriesen wird, nämlich das YZ, nicht doch wirksamer wäre, zerrt an Kraft und ist aufwändig.

bildschirmfoto-2017-02-27-um-14-37-04

Wir sind gut abgedeckt an ärztlicher Betreuung. Da ist unser gemeinsamer Hausarzt, dann der Facharzt am Kantonsspital Luzern und zusätzlich sind wir bei Paramed. Mein Mann wird hochwertige Vitamine und Mineralstoffe erhalten, zur Unterstützung der Chemotherapie. Ob wir dies oder jenes tun oder anderes lassen – wir sind der festen Überzeugung, dass unsere Leben in Gottes Hand sind. Wir lassen uns von IHM leiten – und ER könnte sofort heilen – auch ohne Chemo und all das. Wir nehmen in Anspruch, was an ärztlicher Hilfe da ist. Aber ich glaube kaum, dass Gott so fies wäre, meinen Mann zu sich zu nehmen, nur weil wir keine Ernährungsumstellung vorgenommen hätten oder mein Mann das eine, einzig wirksame Präparat einzunehmen verpasste. 

Schön sind Zeilen der Anteilnahme, welche uns über Whatsapp, Facebook, Twitter oder per Post erreichen. Zum Beispiel das hier:

bildschirmfoto-2017-02-28-um-10-53-55

Jede Zeile zeigt, dass sich ein Mensch, der doch bestimmt selber genügend herausgefordert ist mit seinem persönlichen Leben, sich Zeit genommen hat und sich überlegt hat, wie er uns ermutigen könnte. Telefonate mag ich nach wie vor nicht. Danke fürs Verständnis. 😉 Was mir immer ganz speziell gut tut, ist, wenn jemand ganz einfach bei einer persönlichen Begegnung fragt: „Wie geht es dir in dieser Situation – erzähl mal.“ Und was mir persönlich auch gut tut, sind Links zu ermutigenden Lobpreisliedern und Gebetsunterstützungen.

Sowas zum Beispiel, tut mir gut:

Bildschirmfoto 2017-02-27 um 17.59.06.png

Aber auf derselben Seite stand ein Zitat, dass es Sünde sei und sich okkult belaste, wenn man Homöopathie verwende. Dazu möchte ich sagen, dass ich es mit der Meinung der Vereinigung Christlicher Heilpraktiker halte.

Auf einer anderen Facebookseite steht, dass es Sünde sei, wenn man jammere. Also meine Mitchristen ermutigen mich manchmal und handkehrum können sie einem das Leben schwer machen. 😉

Vor ein paar Tagen überfielen mich plötzlich Ängste, weil ich statistische Zahlen zur Komplettheilung negativ auswertete. Ich fragte meinen Hausarzt, der mich seit 30 Jahren rundum betreut und im selben Tennisclub wie mein Mann und daher mit ihm per Du ist. Hier ist seine so wohltuende Antwort:

bildschirmfoto-2017-03-02-um-10-58-35

Danke, dass ihr uns nicht vergesst in all euren Freuden des Alltags. Am 6. März startet nun die Chemo für meinen Mann….

Eines Tages sterben wir – aber an allen anderen Tagen nicht.

Eines Tages sterben wir – aber an allen anderen Tagen nicht.

Kurz vor Weihnachten erhielt mein Mann die Diagnose CLL. Altersleukämie. Nach dem ersten Schock erholten wir uns, denn wenn man googelt, ist der 1. Treffer Köbi Kuhn, welcher Entwarnung gibt. Er lebt seit 3 Jahren gut mit dieser Diagnose. Viele Menschen in unserem Umfeld, welche von der Diagnose meines Mannes hörten, beruhigten uns dann auch in diese Richtung. Lieb gemeint. Nur ist erstens Köbi Kuhn 20 Jahre älter als mein Mann und fällt somit in die Statistik, nach dem die CLL hauptsächlich Männer ab 70 ig trifft. Wenn dann solche Menschen noch 10 oder vielleicht ein paar Jahre länger leben können, ist das für sie ein Glück. Wenn mein Mann das Glück hat, noch 10 Jahre leben zu können, hätte er noch nicht mal das Pensionsalter erreicht. Zweitens verläuft die Krankheit bei meinem Mann aggressiver. Die CLL wird in die Stufen A, B, C eingeteilt. Nach der ersten Untersuchung im Spital Stans, hiess es, er sei in der Stufe A. Wir atmeten auf. Denn dies hätte bedeutet, dass über Jahre bloss die Blutwerte hätten kontrolliert werden müssen – ohne Therapiebedarf. Am 6. Januar 2017 hatten wir unser erstes Gespräch und Untersuch im Kantonsspital Luzern. Dort hiess es, mein Mann sei in der Stufe B. Ein Schock. Denn das bedeutet, dass ein Therapiebedarf in nächster Zeit gegeben sein könnte. Doch es kam schlimmer – ein weiterer Schlag: im Arztbericht des Spezialisten an den Hausarzt schrieb er mehrfach von Stufe C. Wir konnten es irgendwie gar nicht glauben – aber es ist Tatsache. Das heisst, die Krankheit verläuft aktiv, die Blutwerte verschlechtern sich drastisch. Deshalb ist eine Chemo- und eine Antikörpertherapie ab März nun unumgänglich. Zusätzlich hoffen wir auf eine Unterstützung per Komplementärmedizin und sind bei Paramed angemeldet. Wie das finanziell mit unserer Versicherung aussehen wird. wissen wir noch nicht.

Was bewirkt diese Situation in uns? Mein Mann, der Betroffene, ist seit Diagnosestellung in einer Ruhe, Gelassenheit und Zuversicht. Er meint, es bringe nichts, sich Sorgen zu machen, sondern wir sollen das Leben nun erst recht geniessen, solange wir das könnten. Ein Wunder ist, dass er ausser schlechten Blutwerten, keine Beschwerden hat. Ok – zur Zeit leidet er zwar unter Husten. Aber er kann skifahren, wandern, in die Turnstunden gehen – ohne Einschränkung. Rabenau in der heutigen Zeitung

WhatsApp Image 2017-01-31 at 13.44.02.jpeg

trifft es also. Was die Chemo angeht, macht er sich im voraus keine Gedanken. Er lässt es auf sich zukommen und nimmt Tag für Tag. Ich habe ein Bild von Snoopy gesehen und wollte es posten, aber ich weiss nicht, ob dessen Verwendung auf meinem Blog legal ist. Deshalb hier einfach ein Link dazu. Mein Mann ist wie der Snoopy – und ich wie Charlie Brown. An manchen Tagen bin ich zuversichtlich, fühle mich getragen – oder verdränge erfolgreich die Situation. An anderen Tagen bin ich sorgenvoll, fühle mich einsam und tieftraurig. Ich möchte doch noch soviele Jahre mit meinem geliebten Mann zusammen verbringen! Noch soviel mit ihm entdecken. Wir sind ein derart tolles Team. Ohne ihn kann ich mir das Leben gar nicht vorstellen. 😦 Dieses Jahr feiern wir unseren 30 igsten Hochzeitstag… Im Grunde genommen wollten wir uns deshalb eine USA Reise gönnen, welche wir schon lange gebucht haben… 😦 Mir hilft in tieftraurigen, einsamen Momenten, das Wissen, dass viele Menschen für uns beten, die Zuflucht zu Gott im Gebet, Bibellesen und Lobpreislieder singen und auch Postkarten, Besuche von lieben Menschen oder Einladungen zu Freunden, sind Lichtblicke. Kein Mensch kann rund um die Uhr für mich da sein, auch wenn mir viele Menschen im Umfeld versichert haben, sie seien für mich/uns da. So gibt es dennoch Momente der Einsamkeit, in denen ich froh bin, meine Traurigkeit und meine Ängste zu Gott bringen zu können. Denn ER kann das, was kein Mensch kann: rund um die Uhr da sein für mich. Er schläft und schlummert nicht. Seine Sprechstundenzeit ist immer JETZT.

Das Gebetsanliegen, welches mir zur Zeit am nächsten liegt ist, dass wir als Familie unsere Ferien in Oesterreich antreten könnten. (Ende Februar) Wir haben vor etwa einem halben Jahr gebucht. Ob mein Mann reisefähig sein wird, entscheidet der Arzt 3 Tage vor Ferienbeginn. :-O

16406790_10211586826897012_4383765344454525686_n.jpg

Ich versuche es – diese Zuversicht und dieses Vertrauen festzuhalten….

Danke allen, welche uns in irgend einer Form mittragen.